Der von Cornelius Bockermann restaurierte Frachtsegler Avontuur in der Werft

„Sauberer Seetransport wird sich etablieren“

Der Frachtsegler „Avontuur“ dient als Denk-Anstoß – und zeigt zugleich einen Lösungsweg. Interview mit Projekt-Gründer und Kapitän Cornelius Bockermann über die weiteren Ziele.

Green Shipping News: Der Frachtsegler „Avontuur“ ist erneut auf Reisen. Heißt das, dass es einen großen Bedarf an nachhaltigem Seetransport dieser Art gibt?

Cornelius Bockermann: Es gibt eine wachsende Zahl von Verbrauchern und Produzenten, die Wert darauf legen, dass Ihre Waren und Produkte nicht nur mit der geringstmöglichen Belastung der Umwelt produziert und fair gehandelt werden, sondern auch in gleicher Weise transportiert werden. Für unseren ersten regelmäßigen Charterer, Portfranc, transportieren wir in den nächsten drei Jahren auf fünf Transatlantikreisen Waren zwischen Frankreich und Kanada hin und her. Wir bilden damit für den Kunden das bisher fehlende Verbindungsglied zwischen seiner nachhaltigen Produktion und den ebenso sauberen Vertriebswegen an Land. Je bekannter unser Projekt und die „Avontuur“ werden, desto mehr Anfragen bekommen wir aus unterschiedlichsten Bereichen. Der Bedarf ist da und steigt. Die Transportkapazitäten sind es noch bei Weitem nicht!

Green Shipping News: Lässt sich der Betrieb des Schiffes allein durch den Frachttransport finanzieren? Ist dies also etwas, was sich – zumindest auf bestimmten Routen – auch kommerziell lohnt?

Cornelius Bockermann: Im Moment bedarf es noch sehr großer Anstrengungen, den Betrieb der „Avontuur“ zu finanzieren, da das Ladungsaufkommen und die daraus resultierenden Einnahmen noch unter dem notwendigen Niveau liegen. Wir rechnen allerdings damit, dass wir innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre auf die notwendige Auslastung kommen. Bis dahin sind wir noch auf zusätzliche finanzielle Mittel angewiesen. Bis spätestens 2020 ist geplant, feste Routen etabliert zu haben und damit potentiellen Kunden die Sicherheit regelmäßiger Abfahrten und zuverlässiger Transporttermine und Kapazitäten bieten zu können. Die Frage, ob es sich kommerziell lohnt, stellt sich mir nicht. Das gesamte Projekt wurde begonnen aus der festen Überzeugung, dass es notwendig ist, unsere Umwelt für uns als Lebensraum zu erhalten. Das ist eine Notwendigkeit jenseits wirtschaftlicher Überlegungen. Erfreulicherweise gibt es genügend Menschen, die das ähnlich sehen und bereit sind, ihren Teil dazu beizutragen – als freiwillige Helfer, als Mitarbeiter, Teilhaber, als Spender oder als solche, die unsere Idee weiter verbreiten und Diskussionen dazu anstoßen; und, last but not least, als Kunden, die bereit sind, Waren, die ohne Umweltbelastung transportiert werden, zu einem für alle Beteiligten fairen Preis zu kaufen.

Green Shipping News: Ist es für Sie eine Option, in Zukunft weitere Frachtsegler einzusetzen, oder ist die „Avontuur“ eher als Einzelprojekt zur öffentlichen Bewusstseinsbildung gedacht?

Cornelius Bockermann: Die „Avontuur“ ist natürlich in erster Linie als Denkanstoß zu sehen. Durch Rückbesinnung auf ein jahrtausendealtes, nachhaltiges, bewährtes Antriebssystem, das Segel, steht sie aber in erster Linie nicht als Symbol für einen notwendigen technologischen Neubeginn, sondern insbesondere für einen notwendigen Sinneswandel in der Gesellschaft. Denn nur durch Wachstum und technologische Weiterentwicklung sind beispielsweise die 17 Ziele der UN-Agenda 2030 unmöglich zu schaffen. Es bedarf weitreichender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen. Daher ist Bewusstseinsbildung von größter Bedeutung, falls unser Projekt langfristig Erfolg haben soll. Die „Avontuur“ ist aber kein Einzelprojekt. Wir beobachten weltweit verschiedene im Aufbau befindliche Projekte, die in den nächsten Jahren ähnliche Dienste wie wir anbieten werden. Wir selbst werden bis 2020 die Pläne für eine neue Frachtschiffsgeneration vorstellen. Diese wird nicht nur sauberer als die heutigen Frachtschiffe arbeiten, sondern völlig ohne Schadstoffausstoß auskommen.

Green Shipping News: Stoßen Sie mit dem Projekt eines Frachtseglers überall auf offene Türen, oder ist es eher mühsam, potenzielle Frachtkunden von der Idee zu überzeugen?

Cornelius Bockermann: Zwar stoßen wir mit unserem Projekt tatsächlich überall auf großes Interesse und auch auf überwiegend positive Reaktionen, aber auch auf sehr viel Skepsis. So lange Handelsschiffe noch mit extrem giftigem und umweltbelastendem Schweröl betrieben werden dürfen und die Container-Frachtraten so niedrig sind, dass sie eigentlich kaum die Transportkosten decken, fällt es selbst umweltbewussten Befrachtern schwer, sich für die saubere Alternative zu entscheiden – auch deswegen, weil wir im Moment nur vergleichsweise verschwindend geringe Mengen transportieren können.

Green Shipping News: Sie kritisieren die hohen Emissionen der herkömmlichen Frachtschifffahrt. Gibt es konkrete Reaktionen aus der Branche auf ihr Projekt?

Cornelius Bockermann: Bisher hatten wir noch keine einzige Reaktion aus der Industrie. Das ist allerdings nicht verwunderlich, da man sich dann mit seinem eigenen Verhalten auseinandersetzen müsste. Der Betrieb von Schiffen mit Schweröl ist nichts anderes als legale Giftmüllverbrennung! Dafür will sich bestimmt niemand öffentlich rechtfertigen müssen. Die Schifffahrtsindustrie arbeitet ausschließlich nach kapitalistisch-wirtschaftlichen Gesichtspunkten und Veränderungen finden nur unter argwöhnischer Beobachtung der Konkurrenz statt. Die Märkte sind hart umkämpft und bei den Frachtraten gibt es seit jeher härteste Preis- und Verdrängungsschlachten. Verbesserungen für die Umwelt werden nur im Schneckentempo umgesetzt und hinken den verfügbaren Möglichkeiten um Jahre hinterher. Was zählt, ist ausschließlich der Profit des Unternehmers, bzw. des Aktionärs. Veränderungen, die eine Verringerung der Umweltbelastung bringen, kommen immer erst dann, wenn internationale Abkommen es erzwingen, wenn sie einen finanziellen Vorteil bringen oder wenn sie als Markt erkannt werden.

Green Shipping News: In den zurückliegenden Jahren ist „Green Shipping“ zunehmend ein Thema geworden. Sehen Sie tatsächlich Anzeichen für ein allmähliches Umdenken in der Branche?

Cornelius Bockermann: Es gibt hier und da technische Neuerungen. Sie werden aber, wie schon erwähnt, immer nur dann eingesetzt, wenn es aufgrund gesetzlicher Auflagen zwingend notwendig ist – oder wenn sie dem Unternehmen finanzielle Vorteile bringen, etwa durch Treibstoffeinsparung. Ernsthafte Bemühungen über einzelne Versuche des „green washing“ hinaus sehe ich nicht. Es geht nach wie vor nur darum, das notwendige Minimum zu leisten und nicht darum, alle vorhandenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Aber so wie „bio“ und „fair“ in den 70er Jahren noch ein Mauerblümchendasein fristeten und inzwischen in jedem Discounter zu finden sind, wird auch sauberer Seetransport irgendwann bei den etablierten Reedereien als profitable Einnahmequelle angekommen sein.

Green Shipping News: Warum sind Sie aktuell nicht selbst als Kapitän an Bord?

Cornelius Bockermann: Ich leiste mir nach fast drei Jahren nahezu ununterbrochener Arbeit am Projekt ein paar Wochen Urlaub. Danach werde ich mich an der Seite meiner Mitstreiter an Land, vom Büro aus und auf Vorträgen und Reisen, um neue Besatzungen, Ladung und die Weiterentwicklung des Projekts kümmern. In Zukunft wird es mir daher leider nur noch selten vergönnt sein, die „Avontuur“ selbst zu fahren.

 

Weitere Informationen:
Artikel zum Start der aktuellen Reise der „Avontuur“
Internet-Auftritt des Fachtsegler-Projekts

Frachtsegelschiff Avontuur
Das Segelschiff „Avontuur“ bringt auf nachhaltige Art Waren über den Atlantik.

 

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