Interview mit Dietmar Oeliger zum Nabu-Kreuzfahrtranking 2018

„Letztlich geht es um die eigene Gesundheit“

Beim Umweltschutz gibt es in der Kreuzfahrt-Branche weiterhin Luft nach oben. Wie die Lage verbessert werden könnte, erklärt Nabu-Experte Dietmar Oeliger im Interview.

Green Shipping News: Herr Oeliger, wie sähe für Sie das „perfekte Kreuzfahrtschiff“ aus?

Dietmar Oeliger: Es müsste durch verändertes Schiffsdesign deutlich weniger Energie verbrauchen, groß mit Photovoltaik-Zellen bestückt sein und seine Restenergie mit Kraftstoffen aus erneuerbaren Energien bereitstellen. Ob das am Ende Wasserstoff oder Methanol ist, muss sich noch zeigen. Wichtiger als die Taube auf dem Dach wäre mir aber der Spatz in der Hand – also erst mal weg gehen vom Schweröl und Abgastechnik einbauen. Und zwar nicht nur bei neuen Schiffen, sondern auch in der bestehenden Flotte.

Green Shipping News: Wann könnten solche Schiffe in See stechen – was müssten die Reedereien dafür tun?

Dietmar Oeliger: Die nächste Schiffsgeneration könnte diese Maßnahmen schon umsetzen. Anfang der 20er Jahre könnte es also soweit sein. Die Reedereien müssten es einfach nachfragen, so wie sie es jetzt auch bei LNG-Antrieben tun. Flankiert werden müsste dies aber von „Incentives“ aus den Häfen, die das Ganze auch wirtschaftlich tragbar machen.

Green Shipping News: Welchen Beitrag erhoffen Sie sich von der Politik in Berlin und Brüssel?

Dietmar Oeliger: Der Blick auf Berlin oder Brüssel ist verkürzt. Letztlich wird vieles bei der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) in London entschieden. Hier müssen die Mitgliedsstaaten, aber auch die EU sich für weiterreichende Umweltstandards stark machen. Europa muss auch hier vorangehen, dann folgt der Rest der Welt. Aber auch die Hafenstädte haben hier einen größeren Hebel, als sie gemeinhin zugeben.

Green Shipping News: Wie können Hafenstädte „Druck machen“ und trotzdem vom Kreuzfahrtgeschäft profitieren?

Dietmar Oeliger: Gerade bei Kreuzfahrtschiffen können die Hafenstädte in Deutschland und Europa Druck machen. Beispiel Hamburg: Die Hansestadt sollte dreckigen Kreuzfahrtschiffen ab 2020 die Einfahrt verwehren, mindestens aber hohe Hafengebühren für diese Schiffe beschließen. Die Reeder würden – anders als bei Frachtschiffen – deshalb nicht nach Rotterdam ausweichen. Die Passagiere wollen nach Hamburg, Venedig oder Barcelona, weil es da was zu sehen gibt. „Ausweichverkehre“ sind hier nicht zu erwarten.

Green Shipping News: Was würden Sie Urlaubern raten, die gerne auf Kreuzfahrt gehen möchten, die gleichzeitig aber auch Wert auf Umweltschutz legen?

Dietmar Oeliger: Reisen Sie schon mal mit der Bahn an. Das ist der erste Schritt. Ansonsten sollten Sie eine Reise auf einem der Schiffe buchen, die in unserem Ranking etwas besser abschneiden. Es geht letztlich auch um die eigene Gesundheit. Denn die meisten Kreuzfahrtschiffe pusten ihren Passagieren Abgase um die Nase, die laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ähnlich krebserregend sind wie Asbest.

Green Shipping News: In Ihrem aktuellen Ranking geht es um Kreuzfahrtschiffe. Warum ist die Forderung nach mehr Umweltschutz gerade in diesem Sektor der Schifffahrt so wichtig?

Dietmar Oeliger: Kreuzfahrtschiffe sind Vorreiter der ganzen Schiffsbranche. Hier werden Menschen transportiert, keine Container. Und Urlaub wird dort gemacht, wo die Natur intakt ist. Mit immer mehr Schiffen wächst auch die Verantwortung der Branche. Ein Kreuzfahrtschiff hat außerdem einen ungleich höheren Energieverbrauch im Hafen. Für den „Hotelbetrieb“ müssen die Motoren auch dort weiter laufen. Dadurch werden viele Abgase inmitten der Städte freigesetzt.

Green Shipping News: Welche Entwicklungen würden Sie sich in der Branche insgesamt, also vor allem auch in der Frachtschifffahrt wünschen?

Dietmar Oeliger: Entscheidend wird der Verzicht auf Schweröl sein. Dieser Reststoff der Raffinierung ist nicht nur bei der Verbrennung ein Problem, sondern immer dann, wenn er in die Meeresumwelt gerät. Das passiert nicht nur bei Havarien, sondern auch bei Leckagen, beim Betanken oder beim illegalen Waschen von Tanks. Ansonsten bedarf es eines ganz neuen Schiffsdesigns, das auf langsamere Geschwindigkeiten ausgelegt ist. Mit ein paar Knoten weniger Speed lassen sich erhebliche Kraftstoffmengen einsparen.

 

Einmal im Jahr nimmt die Umweltorganisation Nabu Dutzende Kreuzfahrtschiffe unter die Lupe. Im Kreuzfahrtranking 2018 punktet die neue „Aida Nova“ mit einem Flüssigerdgas-Antrieb. Die jüngsten Flottenzugänge von Hapag-Lloyd Cruises und TUI Cruises werden für ihre Stickoxid-Katalysatoren und Landstrom-Vorrichtungen gelobt. Bei den meisten Schiffen besteht den Angaben zufolge aber noch massiver Nachholbedarf.